Managerin ohne Macht

[Dieser Kommentar ist in der April-Ausgabe 2021 des Maria 2.0-Magazins erschienen.]

Zuallererst möchte ich Dr. Beate Gilles von ganzem Herzen zu ihrer neuen Aufgabe gratulieren. Möge ihr Wirken ein Segen sein! Ich gratuliere gleichsam der Deutschen Bischofskonferenz zur Ernennung einer kompetenten Person für dieses Amt. Möge ihr Wirken-Lassen ein Segen sein!

Beate Gilles ist jetzt die mächtigste Frau in der katholischen Kirche in Deutschland, wenn man sich die Strukturen unserer Amtskirche genauer ansieht. Aber genau in diesen Strukturen liegt auch ihr größtes Problem: Selbst wenn immer mehr Frauen in katholischen Leitungs- und Managementpositionen zu finden sind, sie Einzug in Ordinariate und Co. halten, so ist doch im Ökosystem Kirche nicht vorgesehen, dass Männer und Frauen grundsätzlich gleichgestellt sind: Frauen dürfen Männer (=Priester) managen – aber die Entscheidungen liegen letztlich immer beim geweihten Mann und seinesgleichen. Mit der Ernennung von Gilles wollten – so schien es bisweilen – die Bischöfe dafür öffentlich gelobt werden, dass sie so „mutig“ und „zeitgeistig“ sind, eine Frau zur Generalsekretärin zu machen. Und es ist zweifelsohne anzuerkennen, dass sie sich für eine herausragend qualifizierte Person entschieden haben. Aber: Allein für den symbolischen Akt kann ich im Jahre 2021 die Bischofskonferenz nur schwerlich loben. Er reicht nicht.

Im Zusammenhang mit dem beruflichen Aufstieg von Frauen (und im Übrigen auch allen anderen Bevölkerungsgruppen, die nicht männlich, heterosexuell und weiß sind) wird häufig davon gesprochen, dass eine „gläserne Decke“ sie davon abhalte, in jene Führungsetagen aufzusteigen, die bislang von Männern dominiert wurden. Jedoch geht es mit der Personalie Gilles weniger darum, dass zum ersten Mal eine Frau diese gläserne Decke durchbrochen hat. Dem ist so nämlich nicht. Vielmehr ist hier von einem sogenannten „glass cliff“, einer gläsernen Klippe, zu sprechen: Sie beschreibt das Phänomen, dass Frauen erst dann in Führungspositionen gelangen, wenn eine Organisation in der Krise steckt und die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass sie scheitern. Und gelinde gesagt könnte die Krise der katholischen Kirche kaum größer sein: massenweise Kirchenaustritte in allen Bistümern; völliges Unverständnis gegenüber Nachrichten der Glaubenskongregation in Rom zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare; die Aufklärung von Fällen sexuellen Missbrauchs bleibt an vielen Stellen ein Inside Job – und der Zugang von Frauen* zu Weiheämtern? In weitester Ferne. So fern, dass die Ansprüche an eine weibliche Generalsekretärin kaum erfüllbar sind. Denn in gar nicht so weiter Ferne liegen finanzielle Sparmaßnahmen im Verband deutscher Diözesen, dem Gilles vorsteht. Als erprobte Managerin wird sie die Kirche durch diese nächste, einschneidende Krise manövrieren – als Frau ist sie aber weder dafür verantwortlich, noch wird sie die Ursachen angemessen bekämpfen können. Denn das liegt nicht in ihrer Macht. Die Macht liegt bei den Männern. Und zum jetzigen Zeitpunkt erscheint es wahrscheinlich, dass diese eher eine Frau von der gläsernen Klippe schubsen als die gläserne Decke einzureißen. Es bleibt die Hoffnung, dass der Druck all jener, die unter der Decke stehen und nach oben schauen, sie sprengt, bevor es zu spät ist.